Die Familien Lutz aus Rheineck

Von Otto Gsell, Die Geschichte von St.Galler Familien Gsell, Baerlocher, Neff, Lutz, 1984, Seiten 246- 249

Das Geschlecht der Lutzen von Rheineck hat einen Luchs im Wappen. Sollte daher ihr rascher Blick für das Wesentliche kommen? Von wem es das Sinnierende hat, ist mir unbekannt. Vielleicht von den Frauen: der Wesserin, der Rüschin von St. Margarethen, den Heer von Rheineck, den Messmer von Rheineck ? Von den Naeffen von Altstätten könnte das Liebevolle und Praktische stammen.

Johannes Lutz, 1741-1800 und Magdalena Heer

Johannes Lutz, 1741-1800 mit der scharfen Hakennase und den braunen Augen, trug sein dunkles Haar gewellt und hatte einen gütigen Ausdruck. Er beharrte aber offenbar auf seinem Recht, wie die alten Urkunden bezeugen, die sich um Wegrechte mit dem Töbeli-Müller, der neben dem Hof Monplaisir (Ehegut seiner Frau) in einem engen, ansteigenden Schlüchtlein seine Mühle betrieb. Bis Zürich musste einmal ein solcher Handel vor Gericht kommen.
Der Hof war aber auch ein Bijou mit seinem Garten und der schönen Aussicht von der Höhe des Fliegenberg aus. Es war das Gemüse- und Obstland der Familie Lutz, auch Trauben wuchsen in Fülle. Abends zog man vom Städtlihaus hinauf, wo ein Lusthäuschen zur Ruhe einlud.

Seine Frau Magdalena Heer von Rheineck, aus dem Fahr, mit der schwarzen Haube unter dem Kinn gebunden (die weissen Spitzen lassen die hohe Stirne hervorgucken). Das Stupsnäslein und das energische Kinn, der freundliche Mund deuten fröhliche Tatkraft an.

Adrian Lutz, 1768-1829 und Magdalena Messmer

Der Sohn Adrian Lutz, 1768-1829, sieht mit seinen hellen Augen ungemein Vertrauen erweckend aus. Er bekleidete verschiedene Aemter in Rheineck und besorgte sein Colonialwaren-Geschäft mit grosser Umsicht. 1792 verheiratete er sich mit: Susanna Magdalene Messmer, die in erster Ehe sich Johann Custer von Altstätten anvertraut hatte, der aber schon nach einem Jahr starb. Sie muss eine geistvolle Frau gewesen sein, die wieder nach Rheineck zurückkehrte. Auch ihre Augen blicken gütig. Und die schönen Costüme jener Zeit, die weissen, gepuderten Perrücken lassen das Paar als Herrenleute der Zopfzeit erkennen. Von ihren 8 Kindern erreichten nur vier Söhne das Mannesalter:

Jacob Conrad Lutz, 1797-1870

Jacob Conrad, 1797-1870, der Aelteste war ein begabter Knabe. Seine Bildung erhielt er in Vevey, wohin ihn sein Vater, erst elfjährig, begleitete. Nachher kam er nach Aarau an die bestbekannte Kantons-Schule. Sein gestrenger Vater hatte Jacob Conrad Lutz zum Kaufmann bestimmt, obschon er das technische Wissen vorgezogen hätte. Als 17 Jähriger machte er die beschwerliche Reise zu Pferd nach Genua, trat dort und in Livorno in die Lehre und reiste nachher im Auftrag eines St. Gallergeschäftes in die verschiedensten italienischen Städte. So wurde ihm Italien und seine Sprache ungemein lieb. In Rheineck gründete er ein Speditions-Geschäft, das ihn noch oft in den Süden führte. In Gemeinde und Kanton stellte er seinen Mann, militärisch bekleidete er den Rang eines Obersten und war manche Jahre ein geschätzter Richter im Kantons-Gericht.

Jacob Conrad Lutz und und Anna Naeff

Die liebliche Anna Naeff aus Altstätten wurde seine getreue Lebensgefährtin, die Freud und Leid mit ihm teilte. Der Tod des ältesten Sohnes, Robert, einem ungemein liebenswerten Menschen, der nach zweijährigem Aufenthalt auf St. Thomas an Lungenentzündung in Folge einer Erkältung starb, brach den Eltern fast das Herz.
Von der Zeit an zeigten sich beim Vater Schwermutssymptome, gegen die er zwar tapfer ankämpfte, aber nie ganz besiegte. Bei seinem Tode konnten die Aerzte Wucherungen im Gehirn konstatieren.
Seine 2 Söhne und 4 Töchter und die Enkel waren seinem Herzen sehr lieb. Voll Ehrfurcht sahen sie zum Vater und Grossvater mit den blitzenden Augen und der hohen Stirn empor.

Die Söhne :

Carl Friedrich Lutz, 1800-1838

Carl Friedrich Lutz erwählte die militärische Laufbahn. Die holländische Uniform stand dem lockigen Offizier gut an. Bei einem Schiffs-Unglück in den batavischen Gewässern kam er zwar nicht um sein Leben, aber um seinen Rang. Dies setzte ihm dermassen zu, dass er erkrankte und bald darauf in Batavia starb.

Johann Wilhelm Lutz, 1802-1833

Johann Wilhelm hatte auch kein militärisches Glück. Er diente in der Fremdenlegion, wurde dort krank, wollte noch heimkehren, erreichte aber nur noch Lyon, wo er in einem Militärhospital seinen Tod fand.

Johann Lutz, 1804-1878

Johann, "Schangg" genannt war der Jüngste der Familie. Gescheit und aufgeweckt, studierte er Jurisprudenz, war fröhlicher Corps-Student und erhielt dabei manche Hiebe und Stiche. Ins Privatleben in Rheineck eingetreten, wurde er ein geachteter Advokat. In seinem reizenden, grün überwachsenen Häuslein
sah man ihn kaum vor lauter Tabakrauch, gepufft aus seiner langen Pfeife, aber der grosse Bernhardiner zeigte ihm die kleinen Gäste an, die immer etwas Gutes kriegten. Am liebstem begleiteten sie den Grossonkel über den Buchberg ins Parmaschloss "Wartegg" nach Staad. Dieses verwaltete er, und mit Freuden wanderte man durch den grossen, schönen Park. Mit seinen Töchtern und Enkeln war man gut befreundet, aber am liebsten hatte man doch den Bernhardiner.


Die Lutz heute , d. h. 1984

Jetzt leben noch zwei Lutzen der älteren Generation: Söhne des Jüngsten von Jakob Conrad,  Adolf Lutz-Bühler, 1842-1922, eine Frohnatur, der seinen Vater viele Jahre überlebte. Von der jüngeren Gilde freuen sich neune des Lebens:
zwei vom Stamme Eduard Lutz-Schmid, 1825-1866, Sohn von Jakob Conrad, der zu seinen Lebzeiten im besten Mannesalter starb, und sieben vom Stamme Adolf.
Diesem Jungvolk möchte ich den Goethespruch zurufen:

" Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen."